Furcht - Trump im Weißen Haus von Bob Woodward


Ich habe mich zum ersten Mal wirklich mit Politik beschäftigt, als 2016 die Präsidentschaftswahlen in den USA durchgeführt wurden. Zu dem Zeitpunkt war ich noch siebzehn und stand kurz vor dem Abitur. Nächstes Jahr würde ich an den Bundestagswahlen teilnehmen.


Ich bin das Kind von Immigranten, das erst mit fünf Jahren nach Deutschland kam. Mein Leben spielt sich schon seit so vielen Jahren hier ab: ich habe Freunde gefunden, mein Abitur abgeschlossen, das Studium ist fast geschafft. Deutschland ist eindeutig mein Zuhause. Aber meine Heimat? Ich zögere immer wieder, wenn mir jemand diese Frage stellt. Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft, aber irgendwie gehöre ich dann doch nicht zu einhundert Prozent dazu. 


Als Einwanderin, die solche Gedanken plagen, habe ich mit Konservatismus und Patriotismus wenig am Hut. Auch sonst halte ich mich für eine sehr liberale Person; beispielsweise unterstütze ich das Recht jeder Frau, ungestraft eine Abtreibung vornehmen lassen zu dürfen und begrüße die Ehe für alle. Einfach gesagt entsprechen meine Ideologien der der demokratischen Partei. Und dann ging für sie auch noch eine Frau ins Rennen. Als Feministin waren das für mich natürlich beste Voraussetzungen.

Donald Trump war also nicht der Kandidat, den ich als US-Präsidenten unterstützt hätte. Ich war fassungslos, als ausgerechnet dieser Mann, dem so viele Skandale und Eklats anhingen, im November 2016 tatsächlich zum nächsten Staatsoberhaupt ernannt wurde.


Durch den Medieninput, der mich erreichte, habe ich mir Trump als einen durch und durch bösen Menschen vorgestellt. Er war für mich jemand, dem das Wohl der Ärmsten und Schutzlosesten egal war. Er war jemand, der nur darauf bedacht sei, seine eigenen Reichtümer weiter zu vergrößern und die Rechte derer, die er nicht als "würdig" erachtete, einzuschränken. Er war durchtrieben, arrogant, snobistisch und egoistisch. 

Nach der Lektüre von Bob Woodwards "Furcht" habe ich einen etwas anderen Blickwinkel.


Ich bin mit absoluter Sicherheit immer noch kein Anhänger seiner Politik. Ich wünsche mir immer noch, eine andere Person wäre Präsident. Doch er ist für mich nicht mehr das personifizierte Übel. 


Woodward stellt dar, wie der Alltag im Weißen Haus unter Trump aussieht.

Es gibt Minister und hochrangige Mitarbeiter, die sich aufs Blut nicht ausstehen können, sich untereinander torpedieren, und Trump zum eigenen Vorteil manipulieren. Nicht einmal sein Stabschef schafft es, Ordnung ins Chaos zu bringen.

Trump selbst ist wohl den größten Teil seiner Zeit mit fernsehen beschäftigt, twittert ohne vorherige Absprachen und verhält sich äußerst impulsiv. Sein Tweetgefecht mit Kim Jong Un hat mich damals noch amüsiert, jetzt wird man als Leser darüber informiert, wie brenzlig die Lage tatsächlich war. 

Woodward enthüllt zu verschiedenen Themen äußert brisante Geheimdienstinformationen, weshalb man einen sehr detaillierten Blick in das politische Geschehen erhält.


Ich habe im Laufe der Lektüre viele Sachen über Trump gelernt: Er ist unglaublich stur, lässt seine Mitarbeiter ins Messer laufen und lügt wie gedruckt. Reine Logik und Argumente haben keinen Platz in seinem Kopf.

Manchmal allerdings blitzt so etwas wie Mitgefühl bei ihm durch. Diese Erkenntnis hat mich wohl am meisten überrascht.


Obwohl ich Trumps Politik nicht unterstütze und sein Auftreten extrem unangenehm finde, mischt sich doch etwas Mitleid in meinen Kopf ein. Durch Woodwards Recherche ist es eindeutig, dass Trump die meiste Zeit von seinem Umfeld manipuliert wird; einerseits von republikanischen Politikern (die teilweise extremere Ansichten haben, als Trump selbst), andererseits von seiner Tochter Ivanka und ihrem Ehemann, die aufgrund ihrer Verwandtschaft als Berater fungieren. Dies ist nur möglich, da er selbst intellektuell nicht in der Lage ist, sich eine eigene Meinung zu bilden. Personen, die täglich mit ihm arbeiten, behaupten, er hätte den emotionalen Entwicklungsstand und das Denkvermögen eines Sechsjährigen.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass er nicht rein aus Böswilligkeit handelt, sondern weil er einfach nicht besser weiß.


Bob Woodward verschafft dem Leser seines neuesten Buches einen unglaublich tiefgehenden Einblick in den Alltag und die politischen Schlachten im Weißen Haus. Durch die wiedergegebenen Situationen und Gespräche lernt man Donald Trump und seine engsten Mitarbeiter erschreckend gut kennen. Der Einstieg in die Materie ist mir persönlich durch die Vorstellung vieler verschiedener Personen etwas schwer gefallen. Je länger man jedoch am Ball geblieben ist, stellte das kein Problem mehr dar. 

"Furcht" ist empfehlenswert für alle, die sich für die skrupellose Wahl der US-Präsidentschaft und die Machenschaften hinter den Kulissen interessieren. 


Furcht - Trump im Weißen Haus | Bob Woodward | 544 Seiten | 22,95 € als Hardcover | 19,99 € als e-book

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